Bootstouren in Taubergießen

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Taubergießen ist eines der größten Naturschutzgebiete entlang des Rheins. In diesem über 1.600 Hektar großen Auengebiet gibt es nicht nur viele Pflanzen und Tiere zu sehen, sondern man kann sich auch bequem in einem Boot stromabwärts tragen lassen. Heute geht es also zur Abwechslung mal ganz ohne Anstrengung durch die Natur… 😉

Die meisten Leser kennen den Rhein vermutlich nur in seiner heutigen Form als große, begradigte Wasserstraße. Noch bis ins 19. Jahrhundert sah das allerdings ganz anders aus. Der Rhein mäanderte im flachen Rheintal in einem mehrere Kilometer breiten Korridor umher und änderte ständig seinen Lauf. Alte Seitenarme wurden abgeschnitten und verlandeten, neue entstanden. Zeitweise soll der Rhein sogar auf der anderen Seite des 556 Meter hohen Kaiserstuhls vorbei geflossen sein, also ganze fünf Kilometer östlich des Berges.

Das Schlimmste allerdings waren die Überschwemmungen. Sie waren nicht nur eine ständige Gefahr für die Dörfer und Städte, sondern der unkontrollierte Rhein und seine vielen Nebenarme hielten auch Sumpf- und Auengebiete feucht. Man muss sich das Gebiet wie einen riesigen Urwald mitten in Europa vorstellen. Einem Urwald mit perfekten Brutbedingungen für Mücken mit all ihren negativen Begleiterscheinungen. Es ist heute schwer vorstellbar, aber die Malaria gilt am Rhein erst seit 1948 als ausgerottet 😯

Im Laufe von mehr als 100 Jahren wurde der Rhein zu dem verbaut und begradigt, was er heute ist. Der Flusslauf wurde um viele Kilometer verkürzt und bis Basel in der Schweiz schiffbar gemacht. Der Wasserpegel sank stellenweise um mehrere Meter, Nebenläufe und Auen verlandeten. Nur an wenigen Stellen kann man den Rhein heute noch so erleben, wie er damals vermutlich ausgesehen hat.

Taubergießen ist im Grunde das letzte Stück originaler Rhein. Als einziges Auengebiet entlang des ganzen Flusses konnte es durchgängig vom Hochwasser überflutet werden. Der Name des Naturschutzgebiets leitet sich vom Taubergießen, einem der vielen Gewässer in dem Gebiet, ab. Ein Gießen ist ein unterirdisch verlaufender Teil eines fließenden Gewässer, welcher dann später wieder irgendwo zu Tage tritt. Besonders am südlichen Oberrhein kommt dieses Phänomen recht häufig vor, wie man auf auf einer Landkarte gut erkennen kann:

Von oben betrachtet sieht es so aus, als würden mitten im Wald Bäche entspringen. Tatsächlich steht der Rhein aber in Verbindung mit dem Grundwasser, ab einer bestimmten Höhendifferenz wird das unterirdische fließende Wasser wieder an die Oberfläche gedrückt und entspringt mitten auf freier Fläche aus einer Quelle. Das Wasser ist nährstoff- und deswegen fischarm. Fischer bezeichnen es daher als taub.

Aus historischen Gründen gehört ein Teil des Naturschutzgebietes der französischen Gemeinde Rhinau. Taubergießen wird also von Deutschland und Frankreich gemeinsam verwaltet.

Bootsfahrten im Naturschutzgebiet

Das Regierungspräsidium Freiburg verpachtet Teile des Naturschutzgebietes an Privatpersonen, welche sich an der Instandhaltung beteiligen und im Gegenzug dafür Fische fangen und Bootsfahrten anbieten dürfen.

Es gibt mehrere Anbieter dieser Fahrten. Wir haben uns für Herrn Alexander Koch von taubergiessentour.de entschieden, da er eine der längsten Touren anbietet. Je nach Wasserstand ist man eineinhalb bis zwei Stunden unterwegs, in unserem Fall waren es ca. 1 Stunde 45 Minuten. Eine Fahrt kostet pauschal 120 €, das Boot fasst maximal zehn Personen. Wer nicht als Gruppe anreist kann sich nach Absprache einer bestehenden Gruppen anschließen.

Die Tour beginnt an der Zuckerbrücke beim Europa-Park Rust und folgt dann hauptsächlich der Blinden Elz bis zur Gifizbrücke in Kappel-Grafenhausen. Die ca. 7 Kilometer zurück zum Startpunkt in Rust kann man entweder wandern oder – soweit es der Platz in den Fahrzeugen zulässt – bei Herrn Koch mitfahren.

Fauna

Das absolute Highlight für einen Fotografen ist natürlich die Tierwelt, welche man unterwegs zu sehen bekommt. Gleich zu Beginn fuhren wir an einer Gruppe Nutrias (Myocastor coypus) vorbei. Die großen, aus Südamerika stammenden Nagetiere fühlen sich in sumpfigen Gebieten pudelwohl. Ausgewachsene Tiere können bis zu 65 Zentimeter lang und bis zu zehn Kilo schwer werden, also so groß wie ein kleiner Hund.

Früher waren Nutrias als eingeschleppte Art nicht geschützt und konnten einfach gejagt werden. Schon zu DDR-Zeiten waren sie nicht nur als Pelztiere, sondern auch als Fleischlieferanten bekannt. In einigen Teilen Ostdeutschlands liefern die Jäger ihren Fang daher heute immer noch bei Restaurants ab.

Immer wieder schön anzusehen: Libellen. Zur Mittagszeit waren vor allem Gebänderte Prachtlibellen (Calopteryx splendens) zu sehen. Man kann sie am blau schimmernden Körper erkennen und dann anhand der teilweise transparenten Flügeln von der ähnlich aussehenden Blauflügel-Prachtlibelle (Calopteryx virgo) unterscheiden. Allerdings sind nur die Männchen blau gefärbt, die Weibchen sind braun und weit weniger schön.

Gebänderte Prachtlibellen beim Revierkampf

Bei den meisten Libellenarten geht die Paarungszeit von Juli bis Oktober. Zur Mittagszeit lieferten sich die Männchen der Gebänderten Prachtlibellen ausgedehnte Revierkämpfe knapp über der Wasseroberfläche. Bei den hellblauen Federlibellen (Platycnemis pennipes) hatten sich die Paare dagegen schon gefunden…

Federlibellen bei der Paarung

Es gab auch viele Vogelarten zu sehen, darunter natürlich viele Wasservögel. Kormorane sind eher scheu und dürften in den Gießen auch nicht all zu viel Essbares finden, sie hielten sich daher von unserem Boot fern. Für freche Gesellen wie Enten und Höckerschwäne galt das aber natürlich nicht…

Kormoran im Flug
Junge Teichralle (Gallinula chloropus)
Junge Ente
Ausgewachsener Höckerschwan (Cygnus olor)

So ein Schwan muss natürlich regelmäßig sein Gefieder pflegen, damit es sauber und wasserabweisend bleibt. Dazu wird ein öliges Sekret aus der Bürzeldrüse mit dem Schnabel über die Federn verteilt. Dass die Viecher dabei aber so einen Saustall hinterlassen, war mir bis zu dieser Bootsfahrt nicht klar gewesen… 😉

Andere Auenbewohner verrieten sich nur durch ihre Spuren. Egal ob von Bibern angenagte Bäume, von Spechten durchlöcherte Äste oder der Eingang zu einem verlassenen Fuchsbau – ohne Herrn Koch hätten wir vermutlich 90 Prozent davon übersehen!

Biberspuren an einem Baum
Spuren von Spechten an einem Ast
Eingang zu einem verlassenen Fuchsbau

Im Taubergießen tummeln sich auch ganze Horden von Wildschweinen. Immer wieder kamen wir an Uferabschnitten vorbei, an welchen sich die Schweine gesuhlt und völlige Zerstörung hinterlassen hatten.

Wildschweine können durch Bäche waten und sogar auf die andere Seite schwimmen. In den seichteren Abschitten konnte man deswegen teilweise noch die Hufspuren der vergangenen Nacht unter Wasser sehen.

Spuren von Wildschweinen am Ufer

Seit April 2015 grasen Salers-Rinder in den Elzwiesen nahe dem Naturschutzgebiet. Früher ließ die Gemeinde Kappel-Grafenhausen ihre Landflächen maschinell mähen und die Pflanzen dann entsorgen. Eine Mähmaschine kann nicht zwischen unerwünschten und geschützten Pflanzen unterscheiden, ein Rind schon. Was ihm nicht schmeckt, das lässt es einfach stehen, und was es vertilgt hat, geht als Dünger wieder zurück auf die Weide statt entsorgt werden zu müssen.

Die Rinder sorgen also für Flurpflege, einen geschlossenen Nährstoffkreislauf und werfen nebenbei noch Milch und Fleisch ab.

Flora

60 Prozent der Landfläche sind Wald, der Rest wird landwirtschaftlich genutzt. Büsche, Sträucher und andere Pflanzen wachsen hauptsächlich an den Ufern – natürlich nur, sofern dort nicht auch schon Bäume wachsen.

Der Zunderschwamm (Fomes fomentarius) hat seinen Namen von der Verwendung als Zunder. Früher sammelte man die Schwämme in den Auen, kochte sie stundenlang aus, legte sie ihn Urin ein und trocknete sie. Das Endresultat war eine sehr leicht entzündbare Masse, welche beim Anzünden von Feuern zum Einsatz kam.

Die Inhaltsstoffe des Pilzes können aber auch als Blutstiller und Desinfektionsmittel verwendet werden.

Zunderschwämme an einem geschwächten Baum
Gelbe Teichrose (Nuphar lutea)

Wegen der Rheinbegradigung fließt nicht mehr genug Wasser durch die alten Rheinarme und Gießen. Das gesamte Gebiet droht daher zu verlanden. Ein Mal im Jahr führt die Verwaltung eine Gewässerschau durch, lässt umgeknickte Bäume entfernen, plant Instandhaltungsmaßnahmen und löst durch die Öffnung der Schleusen eine künstliche Überschwemmung aus. Trotzdem hat sich das Areal sehr stark verändert. Die meisten Wasserläufe haben dramatisch an Tiefe und Breite eingebüßt.

Anfang des 19. Jahrhunderts, als eine große Zahl von Europäern auf der Suche nach einem besseren Leben in die Vereinigen Staaten von Amerika auswanderte, war der Rhein noch nicht begradigt. Der heute sehr schmale Taubergießen war damals so breit, dass Passagierschiffe die Auswanderer von Rust und Kappel-Grafenhausen bis in die Niederlande bringen konnten, wo dann die Überseedampfer ablegten. Allein aus Kappel-Grafenhausen sind nach 1848 mehr als 400 Personen in die “Neue Welt” ausgewandert.

Neben den Tourenbooten dürfen auch Wassersportler einige der Wasserstraßen befahren. Zu Spitzenzeiten wurden schon über 200 Kanufahrer und Standup-Paddler pro Tag gezählt.

Perspektiven, Farben und Reflektionen

An Wasserflächen ergeben sich fast immer ganz besonders schöne Bilder. Natürlich ist es nicht ganz einfach, alle möglichen Motive im Blick zu behalten, wenn sich das Boot mit einer Geschwindigkeit von etwa fünf Kilometern in der Stunde bewegt und nicht gestoppt werden kann. Mir sind aber trotzdem so einige schöne Schnappschüsse gelungen, nicht zuletzt auch dank des extrem schnellen und präzisen Autofokus der Nikon D850… 🙂

Fazit: Ich kann eine Bootsfahrt im Naturschutzgebiet Taubergießen nur empfehlen. Es muss nicht immer gleich der Amazonas sein, auch vor der eigenen Haustür gibt es genug Gewässer zu entdecken. Und ein Teil der südamerikanischen Fauna, die Nutrias, ist ja freundlicherweise schon zu uns gereist… 😉

Dieser Artikel wurde von Simon für One Man, One Map geschrieben. Das Original befindet sich hier. Alle Rechte vorbehalten.

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