прывітанне, Minsk!

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So langsam waren mir die Länder im näheren Umkreis von Deutschland ausgegangen, und da westlich von Portugal erst mal nur noch Wasser kommt, wandte ich mich wieder nach Osten. In Polen war ich schon gewesen, in allen baltischen Staaten, Rumänien, Bulgarien und Russland auch, aber da lag ja noch das eine oder andere Land dazwischen. Zum Beispiel Belarus, in Deutschland gerne als “Weißrussland” oder auch “die letzte Diktatur Europas” bezeichnet. Nun gut. Belarus sollte es also werden.

Touristen benötigen für die Einreise grundsätzlich ein Visum. Für die Beantragung gelten fast die selben Regeln wie für Russland, man benötigt also ein Einladung eines weißrussischen Reisebüros. Es gibt aber zwei Ausnahmen:

  • Aufenthalte von maximal fünf Tagen (genau 120 Stunden) Länge sind seit Februar 2017 bei Anreise über den Flughafen Minsk visumsfrei.
  • Bei Aufenthalten von bis zu zehn Tagen werden statt der Einladung auch Bestätigungen der gebuchten Hotels akzeptiert. Diese müssen auf offiziellem Briefpapier ausgestellt sein (mit Briefkopf) und neben den Buchungsdaten auch den Namen des Gastes und dessen Reisepassnummer enthalten. Zusätzlich ist eine Unterschrift vom “Manager” zu leisten.

Ich habe mich der Einfachheit halber für einen Aufenthalt von insgesamt neun Tagen entschieden. Drei Tage für Minsk, einen Tag für die Schlösser Mir und Njaswisch, einen Tag für Brest, und die restlichen drei Tage für Anreise, Autofahrten und Abreise. An die Hotelbestätigungen zu kommen war leider weit schwieriger als gedacht. Die Hälfte der Unterkünfte antwortete überhaupt nicht auf die Anfrage, ein Mal war der Manager gerade im Urlaub, ein anderes Mal wollte man für die Bestätigung zusätzliche 20 Euro (bei einem Zimmerpreis von unter 30 € pro Nacht), zahlbar per Überweisung. Eine Banküberweisung nach Belarus dauert eine Woche.

Am Ende habe ich einfach in jedem Ort mindestens zwei Hotels gebucht, jedes um eine Bestätigung gebeten, und sobald ich für diesen Ort die erste Bestätigung hatte alle anderen Buchungen storniert. In Brest musste ich sogar ganze vier Hotels kontaktieren. Die Ausstellung des Visums selbst hat noch mal dreieinhalb Wochen gedauert, dann konnte es endlich losgehen.

Die Hauptstadt Minsk (Мінск) ist eine typisch osteuropäische Großstadt mit zwei Millionen Einwohnern, allerdings eine der aufgeräumteren. Der Stadtkern rund um den Fluss Swislatsch (Свіслач) und die vielen russisch-orthodoxen Kirchen strahlte fast schon vor Sauberkeit. Die Heiliggeist-Kathedrale (Кафедральны сабор Сашэсця Святога Духа) mit ihren auffälligen, grünen Dächern steht etwas abseits der Hochhäuser an der Swislatsch und ist schon aus einiger Entfernung gut zu sehen. Die kleinere Peter-und-Paul-Kirche (Собор Святых Апостолов Петра и Павла) geht im Vergleich dazu fast schon im Chaos unter.

Ein weiterer Blickfang ist die künstlich angelegte Insel der Courage und der Trauer (Остров Мужества и Скорби, umgangssprachlich Insel der Tränen) auf der Swislatsch. Das darauf errichtete Denkmal ist primär den Opfern der Sowjetischen Intervention in Afghanistan gewidmet, 2012 kam ein Denkmal für die Opfer des Anschlages auf die Metro Minsk dazu.

Die Ufer der Swislatsch dienen als Naherholungszentrum. Hier war immer etwas los. Tagsüber wurde geangelt, abends trafen sich die Jugendlichen zum Ballspielen.

Große Teile der Stadt wurden während der Kesselschlacht von Minsk 1941 zerstört. Der Wiederaufbau geschah großzügig, mit prunkvollen Gebäuden und breiten Straßen. Fast könnte man meinen, in einer europäischen Metropole wie Paris oder Wien gelandet zu sein, wenn, ja wenn…

…nicht direkt daneben die Überbleibsel der Sowjetunion stünden. Große Lenin-Statue vor dem Regierungsgebäude. Großes Wandrelief an der Straße. Großes Mosaik über den Köpfen der Passanten. Alles groß, alles typisch sowjetisch.

Was die Sowjets wohl heute von der Kentucky-Fried-Chicken-Filiale unter dem der Solidarität (Солидарность) gewidmeten Kunstwerk halten würden? Vielleicht geht ja das Teilen einer Portion Pommes Frites als Solidärität durch? Nein? Schade 😉

Hammer-und-Sichel-Reliefs auf Hochhäusern? Check. Gigantische, gleichförmige Wohnburgen? Check. Lange danach suchen musste ich nie.

Einen KGB gibt es natürlich auch, in Belarus nennt man ihn heute allerdings wegen der vom Russischen abweichenden Schreibweise der Belarussischen Sprache KDB (Кдб). Die Aufgaben sind aber immer noch die selben. Belarus ist ein autoritäres Regime, Präsident Alexander Lukaschenka regiert seit 1994 ununterbrochen. Unterdrückung und Menschenrechtsverletzungen sind an der Tagesordnung. Mehr als 30 belarussische Funktionäre und Militärs wurden von der EU oder den USA sanktioniert. Da für die Jahre 2015 und 2016 eine Verbesserung der Menschenrechtslage attestiert wurde, wurden viele der Sanktionen allerdings mittlerweile wieder aufgehoben.

Sehen und hören tut man als Besucher von der Unterdrückung nichts, im Gegenteil: Es war immer und überall verdächtig ruhig. Nach der Niederschlagung der Proteste gegen die Präsidentschaftswahlen 2006 und 2010 traut sich wohl kaum noch jemand, sich mit den Behörden anzulegen. Es gab nirgends Bettler oder nicht lizenzierte Straßenverkäufer. Wer am Wochenende auf der Straße feierte, tat dies leise, in kleinen Gruppen und ging zum Trinken eher hinter den nächsten Zaun. Belarus ist ein sehr sicheres Land, die Menschen stehen einem Fremden mit einer großen Kamera in der Hand aber verständlicherweise misstrauisch gegenüber.

Wie wäre es mit noch etwas mehr Symbolik? Mehr Sterne vielleicht? Oder ein Panzer? Kein Problem 🙂

Die sehr gut funktionierende städtische U-Bahn stammt ebenfalls noch aus der Zeit vor dem Mauerfall. 1984 mit nur einer einzigen Linie und acht Stationen eröffnet, wurde das Streckennetz mittlerweile auf eine zweite Linie und insgesamt 29 Stationen ausgebaut. Eine dritte Linie ist seit 2017 in Bau.

Mit der U-Bahn ist es allerdings leider wie mit der Minsker Straßenbahn: Es gibt kaum oder gar keine Haltestellen in der Innenstadt, beide haben eher eine Zubringerfunktion für die weiter außen liegenden Stadtteile. Ich bin während der drei Tage in Minsk nur einige wenige Male mit der U-Bahn gefahren und sonst zu Fuß gegangen.

Bezahlt wird wie in St. Petersburg mit Jetons, allerdings bestehen diese in Minsk nur aus Plastik und nicht aus Metall. Auch die Inneneinrichtung der U-Bahn erinnert eher an die einfachen, eher langweiligen Stationen in St. Petersburg und weniger an die prunkvollen, unterirdischen Schlösser in Moskau.

Obwohl die Stadt an sich meist sauber war, konnte man den langsamen Verfall der Infrastruktur an vielen Ecken sehen. Präsident Lukaschenka führt die Wirtschaft im Kern wie vor 1990, eine echte Marktwirtschaft gibt es nicht. Statt dessen dominieren Staatsunternehmen den Markt, die Preise und Wechselkurse werden staatlich kontrolliert. Günstige Preise für Erdöl und Erdgas aus Russland stützen das System. Im Ausland dürften wahrscheinlich nur zwei belarussische Unternehmen bekannt sein: Der Fahrzeughersteller BelAZ (БелАЗ) und Wargaming.net, Entwickler der beliebten Online-Computerspielreihen World of Tanks, World of Warships und World of Warplanes.

Die Arbeitslosigkeit liegt offiziell bei nur 0,5 Prozent, allerdings sind viele Weißrussen unterbeschäftigt. Der Durchschnittslohn beträgt nur etwa 800 Rubel (ca. 350 Euro) pro Monat. 2017 führte die Regierung zu allem Überfluss auch noch ein “Dekret zur Vorbeugung des sozialen Schmarotzertums” ein – wer weniger als die Hälfte das Jahres Arbeit hat, zahlt eine Strafe von 200 Euro pro Jahr. Je nach Quelle sollen bis zu fünfzehn Prozent der Bevölkerung das Land bereits dauerhaft in Richtung Russland, Ukraine, Polen oder der restlichen Europäische Union verlassen haben.

Besonders stark fielen die Unterschiede im direkten Vergleich mit Neubauten wie der Nationalbibliothek (Нацыянальная бібліятэка Беларусі) ins Gewicht. Diese steht etwa sieben Kilometer außerhalb des Stadtzentrums in einem Park am Slepyan-Kanal (Сляпянская водная сістэма). Nachts wird der Glasbau in Form eines Rhombenkuboktaeders spektakulär beleuchtet.

Von der auf einer Höhe von etwa 70 Meter gelegenen Aussichtsplattform auf dem Dach hatte ich einen guten Ausblick auf die umliegenden Wohnviertel mit dem einen oder anderen Neubau. Die belarussischen Architekten schienen allerdings seit 1990 nicht unbedingt viel dazugelernt zu haben…

Seltsamkeit am Wegesrand: Die Telefonzelle funktionierte nicht nur noch, sie sprach auch Deutsch! 🙂

An wirklich großen Attraktionen mangelt es in Minsk, aber schon in der Sowjetunion wurde immer für ein Mindestmaß an Unterhaltung gesorgt. Aus dieser Zeit stammen auch der Gorky-Park (Парк Горкага) und der Chelyuskintsev-Park (Парк Чалюскінцаў), beide gut ausgestattet mit Riesenrädern, Achterbahnen, Kettenkarussellen und anderen Jahrmarktsattraktionen.

Auch die Kultur kommt nicht zu kurz. Einigermaßen bekannt sind das Nationale Opern- und Ballettheater (Нацыянальны акадэмічны Вялікі тэатр оперы і балета) und der Belarussische Staatszirkus (Беларускі Дзяржаўны Цырк) mit den Narrenstatuen am Unabhängigkeitsplatz.

Aber es muss nicht immer immer alles Geld kosten. Das ganze Jahr über finden in Minsk viele Straßenfestivals statt. Während meines Besuchs Ende Mai gab es zum Beispiel Tanzvorstellungen auf einer Bühne nicht weit von der Heiliggeist-Kirche. Von Ballet bis Modern war alles dabei.

Nun ja, gut, nicht jeder schien mit allen Darbietungen einverstanden zu sein…

Minsk ist fast 1.000 Jahre alt und hat vor allem im Mittelalter häufiger den Besitzer gewechselt. Mal gehörte man zur Kiewer Rus, mal zu Litauen, zu Polen-Litauen, wieder zu Litauen, zu Russland, zu Schweden, oder eben auch sich selbst. Nicht nur die berühmten Schlösser in Mir und Njaswisch zeugen heute noch davon, überall in Belarus finden im Sommer und Herbst Mittelalter-Festivals und Ritterturniere statt. Mit etwas Glück muss man Minsk dafür gar nicht verlassen 😉

Im Sommer sind die Tage lang und die Nächte kurz. Bereits im Mai geht die Sonne erst weit nach 21:00 Uhr unter und schon vor 5:00 wieder auf. Im Juni dauern die Tage mehr als 17 Stunden. Folgendes Bild enstand erst nach 21:00 Uhr:

In Minsk kann man es sehr gut einige Tage aushalten, aber mich zieht es ja doch eher immer zum Ungewöhnlichen hin. Und natürlich habe ich auch in Belarus wieder viel Ungewöhnliches gefunden. Eine Kindereisenbahn und ein weiterer Lost Place in einem Wald gehören auf jeden Fall dazu… 😉

Dieser Artikel wurde von Simon für One Man, One Map geschrieben. Das Original befindet sich hier. Alle Rechte vorbehalten.

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