Der verlassene sowjetische Atombunker in Moldau

(This post is also available in English. Eine generelle Übersicht über die Republik Moldau gibt es hier.)

Ich hocke in Chișinău bei Sergei, dem Vermieter unseres Appartements, und wir reden über unsere Reisepläne. Wohin es uns denn in den nächsten Tagen ziehen würde, fragt er. In den Nordwesten, ganz hoch bis nach Soroca, antworte ich. Eine Rundreise mit dem Mietwagen. Wofür wir uns in seinem Land denn überhaupt interessieren würden, möchte er wissen. Alles ein bisschen, gebe ich zurück, Land, Kultur und Leute eben. Geschichte, die Überreste der Sowjetunion und sowas. Plötzlich wird Sergei auffallend ruhig, wirft fast schon ein paar Blicke nach links und rechts, als wäre das, was nun kommt, ein großes Geheimnis, und sagt schließlich: “Es gibt da diesen… Bunker. Im Wald, ein paar Stunden von hier.” Ich nicke ihm wissend zu. Wir verstehen uns.

Nach einer Schweigesekunde fügt er hinzu: “Schickt mir hinterher die Bilder. Ich war noch nie dort.”

The nuclear war must go on

Eines der wichtigsten Elemente atomarer Kriegsführung ist nicht die Anzahl oder die Sprengkraft der eigenen Atomsprengköpfe, sondern die Aufrechterhaltung der sogenannten “Zweitschlagfähigkeit”. Jede Seite muss immer davon ausgehen, dass sie den Gegner mit einem Erstschlag nicht vollständig vernichten kann und mit einem Gegenschlag zu rechnen hat, welcher mindestens einen Großteil des eigenen Territoriums vernichtet. Im deutschen Sprachgebrauch nennt man dies auch das Gleichgewicht des Schreckens, im Englischen Mutually Assured Destruction (MAD).

Zur Sicherung der Zweitschlagfähigkeit gehören nicht nur die möglichst effektive Geheimhaltung der fest installierten Abschussrampen und die Verwendung mobiler Abschussrampen (z.B. auf LKWs oder U-Booten), sondern auch die Sicherung der Kommandokette im Falle der Zerstörung der großen Städte. In den USA löst der Präsident aus seinem Flugzeug, der Air Force One, über eine Funkverbindung den Gegenschlag aus, in der Sowjetunion verließ man sich traditionell auf riesige Bunkeranlagen (siehe etwa meinen Besuch im Bunker 42 in Moskau). Das Territorium der Sowjetunion war um ein Vielfaches größer als das der Vereinigten Staaten von Amerika, man musste also ein ganzes Netz von Bunkeranlagen errichten, damit die Anführer nie weit von einem alternativen Kommandoposten entfernt waren.

Obwohl sich der Kalte Krieg in den 1970er Jahren schon abgekühlt hatte, wurde noch 1985 mit dem Bau mehrerer dieser Anlagen begonnen. Bekannt sind Objekt 1161 an der Grenze zu Polen in Weißrussland und Objekt 1180 in einem Wald in der heutigen Republik Moldau. Es handelt sich dabei um gigantische Metallzylinder mit einem Durchmesser von jeweils etwa 36 Metern und einer Höhe von bis zu 60 Metern, welche in entsprechend große Schächte im Boden eingelassen wurden. Die Metallzylinder wurden an der Unterseite hydraulisch gelagert und konnten sich ähnlich einem erdbebensicheren Gebäude in den Schächten bewegen, falls in der Nähe eine Atombombe einschlagen sollte. Eine damals gängige und auch für die Kommandozentralen der fest installierten Raketenabschussrampen verwendete Konstruktion. Alleine in den Bau der Anlage in Weißrussland sollen bis 1990 etwa 32 Millionen sowjetische Rubel geflossen sein, umgerechnet irgendwo zwischen 50 und 100 Millionen Deutsche Mark. Zum Vergleich: Ein fünfstöckiges Wohnhaus soll die Sowjetunion damals etwa eine Million Rubel gekostet haben.

Objekt 1161 in Weißrussland wurde fertig gebaut und nach dem Ende der Sowjetunion dem Verfall preis gegeben. Da es häufig Probleme mit Buntmetalldieben und anderen ungebetenen Gästen gab, wurde das Gelände eingeebnet und die Eingänge mit Beton vergossen. Objekt 1180 in Moldau wurde nie fertiggestellt, die umliegende Militärbasis der Roten Armee 1991 aufgegeben und alles von Wert entfernt. Weitere alternative Kommandozentren sollen unter Anderem in Russland und Aserbaidschan gebaut worden sein, liegen aber auf militärischem Sperrgebiet, sind aus anderen Gründen nicht zugänglich oder die Existenz ist der Öffentlichkeit unbekannt.

Der Weg zur Anlage führt über einen langen, nicht markierten und mit Betonplatten gepflasterten Waldweg. Vor Ort angekommen gab es gleich die erste Überraschung: Wir waren nicht allein. Aus einem baufälligen Container sah uns ein alter Mann an, einer seiner Hunde hatte ihn alarmiert. Ich ließ meinen Begleiter zurück, ging langsam in Richtung Container und begann in meinem besten Russisch mit den Verhandlungen. Lange dauerte es allerdings nicht, 70 Moldauische Leu (ca. 3,50 €) später hatten wir einen neuen Freund gewonnen und konnten ungestört mit dem Abstieg in den ersten Zylinder beginnen.

Zwischen Metallzylinder und Schacht klafft ein meterbreiter Spalt. Die Außentreppe war vor einigen Jahren noch gerade so benutzbar, war aber mittlerweile endgültig in sich zusammengestürzt. Die Begehung der unteren Stockwerke ist also höchstens noch mit entsprechender Ausrüstung möglich. Verschiedenen Angaben zufolge soll es insgesamt 12 oder 13 Stockwerke geben.

Das Grundwasser wurde früher durch Vereisung des umliegenden Bodens ferngehalten, hat sich seinen angestammten Platz aber zurückerobert und die unteren Stockwerke geflutet. Schätzungen zufolge sollen bis zu 90% der eigentlichen Anlage, besonders die Tunnel, komplett unter Wasser liegen.

Ob der alte Wachmann die Anlage als Brunnen benutzen sollte, ist wahrscheinlich eine gute Frage…

Der gesamte Zylinder wurde vor Ort aus dicken Eisenplatten zusammengeschweißt und Durchbrüche für die Versorgungsleitungen vorgesehen. Allein der Stahlbetondeckel an der Oberseite hat eine Dicke von zwei Metern. Die Schachtwände wurden mit speziellem Beton verkleidet, welcher radioaktive Strahlung abhalten soll.

Was heute wie Fenster aussieht, sind tatsächlich Türen für die Zugänge zu den Außentreppen oder Öffnungen für den Transport von Baumaterial und Geräten. Wäre der Bunker fertiggestellt worden, hätte man diese Öffnungen verschlossen und über dem Bunker eine Tarn -und Schutzinfrastruktur errichtet. In Weißrussland geschah dies in Form eines etwa acht Stockwerke hohen Bauwerks, welches wie ein großer Hangar ausgesehen haben soll. Tageslicht hätte es hier also im vollen Betriebszustand nie gegeben.

An den Wänden hatten sich zwar einige Besucher verewigt, aber es ist eigentlich kaum zu glauben, dass ein so großes, verlassenes Objekt seit 1991 einfach in Frieden vor sich hinrosten kann. Wahrscheinlich liegt es an einer Kombination aus Abgeschiedenheit, Irrelevanz und Mythos. Die Anlage liegt mehrere Stunden Autofahrt von der Hauptstadt entfernt. Es gibt nicht viel von Wert zu stehlen, die teuren Anlagen wurden hier nicht mehr eingebaut, der Spezialstahl für die Wände könnte nur mit viel Aufwand abgetragen werden. Technisch gesehen ist das Gelände immer noch militärisches Sperrgebiet, nicht jeder traut sich hier her.

Außerdem lagerten hier keine atomaren Sprengköpfe. Das Ausland hatte also – im Gegensatz zu den Installationen etwa in der Ukraine – kein Interesse an einer finanziellen Unterstützung eines Abrisses, und die bettelarme Republik Moldau benötigt das Geld an anderen Stellen.

Auf dem Bauplan war eine vollständig autarke Installation mit verschiedensten Einrichtungen von Kommandozentralen bis zu einer Küche, einem Speisesaal und einem Leichenschauhaus vorgesehen. Die Lebenserhaltungssysteme befanden sich im zweiten Zylinder.

Das Grundmuster wiederholt sich immer wieder: breite Gänge führen von außen in die Mitte und kreuzen sich dort, große Räume liegen an den Außenseiten. Verbindungen zwischen den Stockwerken liegen meist an der Außenwand, wahrscheinlich damit die Stockwerke im Notfall einzeln versiegelt werden konnten. Im ersten Stockwerk des ersten Zylinders führen insgesamt vier Ausgänge nach außen.

Viele sowjetische Bunker wurden unter der Annahme geplant, dass der autarke Betrieb nicht lange aufrecht erhalten werden musste und Hilfe von der Oberfläche eintreffen würde. In Kommandozentren gab es zudem meistens zwei Mannschaften: Die eine bediente gerade die Anlagen, die andere ruhte sich in einem separaten Stockwerk aus und wartete auf den Schichtwechsel. Bei einer Befehlsverweigerung durch die aktive Mannschaft hatte die zweite Mannschaft die Deserteure (auch mit Gewalt) zu beseitigen und den Befehl auszuführen.

Ein unerwarteter Fund: Fledermäuse hatten es sich in einem der dunkleren Innenräume gemütlich gemacht und waren über unser Eintreffen nicht gerade erfreut.

Zeit, sich zum zweiten Metallzylinder vorzuarbeiten. Ob die Werkzeuge an der Oberseite noch von den Baumannschaften von 1991 oder von einem späteren Abrissversuch stammten, ließ sich nicht ganz klären.

Was hier wie eine ganze Reihe von “Abschussrohren” aussieht, sind tatsächlich etwa eineinhalb Meter lange, am anderen Ende verschlossene Stahlprofile ohne Inhalt. Eventuell sollten diese später als Verbindungen zur Außenwelt dienen.

Der Abstieg in den zweiten Zylinder gestaltete sich deutlich schwieriger. Hier waren die Bauarbeiten wohl noch nicht so weit fortgeschritten gewesen, an einer Seite tat sich eine tiefe Grube auf und ein Teil des Schachtes lag noch offen. Wahrscheinlich hätte man die Grube aufgefüllt und den Schacht fertig gestellt, sobald Baumaterial und Anlagen an Ort und Stelle gewesen wären.

Eine Besonderheit von Objekt 1180 ist das unterirdische Tunnelsystem, welches die Metallzylinder untereinander und mit den oberirdischen Anlagen verbindet. Im Gegensatz zu den deutlich sichtbaren Metallzylindern muss man hier schon genau hinschauen, andere Besucher scheinen dieses System übersehen oder zumindest nicht davon berichtet zu haben.

Leider stand auch hier überall Wasser in den Gängen. Nächstes Mal unbedingt die Gummistiefel mitbringen!

Abseits der Anlage liegen die Ruinen der ehemaligen Mannschaftsquartiere. Nur einige wenige wurden fertig gestellt, die Eingänge waren verschlossen. In einer der Wohnungen schien sich tatsächlich noch jemand häufiger aufzuhalten. Es gilt eben das, was in Osteuropa häufig der Fall ist: “Für den Ausländer ist es eine verlassene Ruine, für uns ist es eine akzeptable Wohnung ” 🙁

Man sieht es diesem Betonring wahrscheinlich nicht an, aber er ist mittlerweile eine Besonderheit geworden: Die Aufschrift lautet “ЫНТРАРЕ ИНТЕРЗИС”, moldauisch/rumänisch für “Intrare interzis”, auf Deutsch “Betreten verboten”. Moldauisch wurde in der Moldauischen Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik bis 1989 mit kyrillischen Buchstaben geschrieben, obwohl die Sprache identisch mit Rumänisch ist. Seit der Unabhängigkeitserklärung der Republik Moldau von der Sowjetunion ist Rumänisch mit lateinischen Buchstaben die Amtssprache. Die kyrillische Schreibweise wird nur in Transnistrien weitergeführt.

Dieser Artikel wurde von Simon für One Man, One Map geschrieben. Das Original befindet sich hier. Alle Rechte vorbehalten.

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