1000 Samurai in Nikkō

(Meine Route innerhalb Japans findet ihr hier, einen generellen Überblick über das Land hier.)

Wer an Japan denkt, denkt wahrscheinlich zuerst an völlig überfüllte Megastädte wie Tokio, viele Inseln, große Tempelanlagen und allerhand absurde Verrücktheiten. Den meisten ist wahrscheinlich auch noch der heilige Berg Fuji-san ein Begriff, aber wer hätte auf die Schnelle gewusst, dass drei Viertel des Landes aus Bergen bestehen? Es gibt alleine mehr als zwanzig Dreitausender! Der Hauptgrund für die hohe Bevölkerungsdichte in Tokio, Kyōto, Osaka und den wenigen anderen Großstädten liegt ja auch nicht darin, dass die Japaner es gerne eng und kuschelig haben – es gibt für die 127 Millionen Einwohner einfach nicht viel brauchbares Bauland.

Neben der Region um den aktiven Vulkan Hakone gibt es noch viele andere interessante Orte in den Bergen. Dazu gehört auch der über 1.200 Jahre alte Ort Nikkō (日光市) in der Präfektur Tochigi (栃木県) etwa 120 Kilometer von Tokio. Die Anreise klappt am Besten mit dem Zug. “Stadt” kann man nicht wirklich sagen – die immerhin knapp 85.000 Einwohner leben so weit verstreut, dass die Bevölkerungsdichte bei sehr niedrigen 58 Personen pro Quadratkilometer liegt. Das ist ganze 106 mal weniger als in Tokio… 😯

Nikkō hat sich ab etwa dem Jahr 780 nach Christus rund um einige Gräber- und Tempelanlagen gebildet, welche hauptsächlich in den umliegenden Wäldern angelegt wurden. Dazu gehören zum Beispiel der Nikkō Tōshō-gū (日光東照宮) Schrein mit dem Mausoleum von Shōgun Tokugawa Ieyasu (徳川 家康) und seines Enkels Shōgun Tokugawa Iemitsu (徳川 家光), der Futarasan jinja (二荒山神社) Schrein mit der berühmten roten Brücke, und der Rinnō-ji (輪王寺) Schrein.

Insgesamt gibt es in Nikkō so viele Tempel, Anlagen und weitere Sehenswürdigkeiten, dass eine eigene Buslinie die Touristen von A nach B bringt. Und Touristen gibt es je nach Jahreszeit sehr, sehr viele. Für viele gilt: “日光を見ずして結構と言うな” – sinngemäß “Sprich nicht über Schönheit, bevor du Nikkō gesehen hast”. Ich hatte deswegen gleich zwei Tage Aufenthalt eingeplant.

Hyakumono-Zoroe Sennin Gyoretsu, die Parade der 1000 Samurai

Im Tōshō-gū Schrein (nebenbei bemerkt UNESCO-Weltkulturerbe) finden zwei Mal jährlich große Festlichkeiten statt: am 17. und 18. Mai das Frühlingsfest, und am 16. und 17. Oktober das Herbstfest. Auf den ersten Tag entfällt das Yabusame-Ritual (流鏑馬), während dessen Krieger auf Pferden an drei Zielscheiben vorbei reiten und versuchen, mit ihren riesigen Bogen ein möglichst gutes Ergebnis zu erzielen. Leider hatte ich dieses Spektakel wegen einer Terminkollision verpasst 🙁

Dafür konnte ich am zweiten Tag die Parade der 1000 Samurai miterleben. Ein von “1000 Samurai in 100 verschiedenen Kostümen” begleiteter mobiler Schrein wird in einer Prozession insgesamt einen Kilometer weit über das Gelände und zurück getragen. Laut Ansager waren 2017 etwa 800 Personen in über 50 verschiedenen Kostümen aus der Edo-Zeit (1603 bis 1868 n. Chr.) dabei.

 

Das Ganze war wirklich ein sehr beeindruckendes Spektakel. Im ersten Schritt zieht die Prozession die lange Straße vor dem Eingang zum Tōshō-gū Schrein herunter und zu einem der kleineren Tempel. Dort wird ein etwa eine Stunde dauerndes Ritual abgehalten, welches man zwar als Tourist auch miterleben könnte, aber das Gedränge war schon groß genug. Danach zieht die Prozession auf umgekehrtem Weg wieder zurück zum Tōshō-gū Schrein.

Man kann also alles zwei Mal und aus verschiedenen Winkeln fotografieren, am Besten eignet sich dafür die Kurve am südlichen Ende der langen Straße. Die meisten Touristen machen wohl nur den ersten Teil der Prozession mit, bei der Rückkehr eine Stunde später hatte man sehr viel mehr Platz.

Der Nikkō Tōshō-gū Schrein

Dieser Schrein ist eine der größten Shintō-Anlagen überhaupt. Von den insgesamt 103 Bauwerken, welche das UNESCO-Weltkulturerbe bilden, gehören 42 alleine zu diesem Schrein. Die Anlage ist ist vollständig in einen Wald an einem Berghang eingebettet, wie üblich mit sehr großem Fingerspitzengefühl für die Verbindung von Natur und von Menschenhand geschaffenen Strukturen. Da es in der Gegend sehr feucht ist, sind viele der Steinbauten mit Moos überzogen und alles ist ganzjährig grün.

Gleich am Eingang steht diese wunderschöne fünfstöckige Pagode. Wie in Japan fast schon üblich wurde sie im Laufe der Zeit mehrfach zerstört und wieder aufgebaut, zuletzt 1818 nach einem Feuer. Jedes Stockwerk steht für eines der Elemente, allerdings gibt es davon in Japan fünf – neben Feuer, Erde, Wasser und Luft existiert noch der Äther (das Nichts).

Auf der ganzen Welt bekannt, von Touristen unzählige Male abgelichtet: die drei (“weisen”) Affen. “Nichts hören (Kikazaru), nichts sagen (Iwazaru), nichts sehen (Mizaru)”, so lautet die Devise. Das Konzept ist schon etwas älter, aber wirklich populär wurde es, nachdem diese drei Affen im 17. Jahrhundert in genau dieses Gebäude geschnitzt wurden. Es handelt sich natürlich um Japanische Makaken, eine in Japan häufig anzutreffende Affenart. Neben den drei weisen Affen gibt es noch viele weitere Schnitzereien, allerdings ist keine davon im Ausland bekannt geworden.

Im Original gab es noch einen vierten Affen – Shizaru, “nichts falsches tun”. Falls Shizaru dargestellt wird, dann meistens mit den Händen in seinem Schoß.

Einige der Gebäude sind über und über mit (vergoldeten) Figuren verziert, daneben gibt es noch Statuen, Tafeln, Laternen, Glocken, das Mausoleum, und mindestens ein heiliges Pferd. Man könnte wahrscheinlich Tage damit verbringen, alle Details zu suchen!

Besuchergruppen werden typischerweise von einer Miko (巫女, Gotteskind), herumgeführt. Mikos sind meist junge Frauen, welche in den Schreinen alle möglichen religiösen und praktischen Hilfsdienste übernehmen. Früher waren sie auch als Hauptpriesterinnen tätig, heute kann man sie wohl je nach Situation als bunte Mischung aus rechter Hand des Priesters, Tänzerin bei zeremoniellen Aufführungen, “Ministrantinnen”, Touristenführerinnen, Hausmeisterinnen, Verkäuferinnen und so weiter sehen.

Eine Miko bleibt Junggesellin, solange sie in Teilzeit oder freiwillig am Schrein arbeitet. Sobald sie heiratet, legt sie ihre Stelle nieder.

Zur Abwechslung mal eine neue Variation der vielen Shintō-Rituale: klatschen, durch den Ring steigen, wiederholen. Leider konnte ich keine Beschreibung des Rituals finden, aber es sah so aus, als schienen drei Wiederholungen die übliche Zahl zu sein.

Auch außerhalb der großen Anlagen gibt es immer wieder Statuen, Opfergaben, kleine Torii und kleine Schreine. Wenn Getränkedosen geopfert werden, dann bitte immer vorher öffnen! 😉

Nikkō liegt in einer auch sonst touristisch wertvollen Bergregion mit Hotels, heißen Quellen und vielen Wanderwegen, vor Allem rund um den Chūzenji-See (中禅寺湖). Buslinien verbinden alle wichtigen Orte miteinander. Im Sommer kann man hier Vögel beobachten, im Herbst leuchten die Bäume in allen Farben. Ich hatte es zwar immerhin geschafft, die richtige Zeit zu treffen, aber besonders der zweite Tag war sehr verregnet und neblig.

Hoch hinaus mit der Akechidaira-Seilbahn

Die Strecke zwischen Nikkō und dem Chūzenji-See windet sich in so engen Kurven um die Hügel, dass die Straße nur einspurig ausgeführt ist – man muss also mit dem Bus auf einer anderen Strecke zum See fahren, als man später auf dem Rückweg nimmt. Unter den engen Kurven leidet auch die Aussicht, aber man wäre nicht in Japan, wenn es dafür nicht eine Lösung gäbe: einfach unterwegs aussteigen und mit der Akechidaira-Seilbahn auf einen Aussichtshügel fahren. Ein mal Hin und Zurück kostete stolze 730 Yen (ca. 5,60 Euro).

An einem klaren Tag könnte man von hier aus bis in die Kantō-Ebene sehen, aber bei all dem Nebel reichte es nicht mal für einen Blick auf die wenige Hundert Meter entfernte Bergstation… 😯

Im Prinzip könnte man auch bis zur Aussichtsplattform wandern oder zumindest den Rückweg zu Fuß zurücklegen, aber der Waldweg war bei meinem Besuch gesperrt.

Der Chūzenji-See

Von der Aussichtsplattform an der Bergstation der Akechidaira-Seilbahn hat man einen fast freien Blick auf die einen Kilometer entfernten Kegon-Fälle und den Chūzenji-See. Wenn es nicht gerade so neblig ist wie bei meinem Besuch, lohnt sich die Anreise ganzjährig. Im Winter liegt überall Schnee, im Frühling blüht die Natur, im Sommer grünt es, und im Herbst strahlen die Bäume in allen Farben.

Die Kegon-Fälle

Auf den letzten drei Bildern kann man unterhalb des großen Wasserfalls bereits die Aussichtsplattform am Fuße der Kegon-Fälle sehen. Diese liegt 100 Meter unter der Oberkante des Wasserfalls und man erreicht sie bequem mit einem Aufzug. Billig war aber auch der nicht, nach ein mal hoch und runter war ich um 550 Yen (ca. 4,20 Euro) ärmer.

Zeit, Regen und Nebel hinter sich zu lassen! Wohin es wohl dann nächstes Mal geht? 😉

Please follow and like us:

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.