Der Nahverkehr in Jekaterinburg

Eines der Hauptprobleme eines Reisenden ist das Reisen, also die Frage “Wie komme ich möglichst schnell und bequem von A nach B?”. Besonders abseits der Innenstädte geht es zu Fuß nur noch eher langsam voran, also gilt es, Fahrpläne und Karten zu studieren, das richtige Ticket zu besorgen und sich nicht allzu oft zu verfahren 🙂

In den meisten Städten ist die Geschichte des Nahverkehrs auch eng mit der Geschichte der Stadt selbst verbunden. Der Verlauf einer Route sowie die Namen und Positionen der Haltestellen wurden selten willkürlich gewählt, Haltestellen und Fahrzeuge konnten nur mit der zum Bauzeitpunkt vorhandenen Technik gebaut werden, und die Innengestaltung folgte meist den geltenden Kunst- und Architekturtrends.

Eines der ältesten Transportmittel der Stadt ist die 1929 erstmals eröffnete Straßenbahn (Екатеринбургский трамвай, Ekaterinburgskii Tramvai). Mittlerweile gibt es 29 Linien, welche einen sehr großen Teil des Stadtgebietes abdecken. Im Gegensatz zu vielen anderen russischen Städten wird das Liniennetz immer noch weiter ausgebaut.

Wenn es genug Platz gibt, haben die Haltestellen eine Sitzbank und ein Dach. Wenn nicht, besteht die Haltestelle aus einem Schild am Straßenrand und die Straßenbahn hält einfach mitten im Verkehr. Das kann leicht gefährlich werden, an meinem zweiten Abend raste ein Autofahrer in der Dunkelheit an der Straßenbahn vorbei und eine Mutter konnte ihr kleines Kind gerade noch so zurück in die Bahn zerren.

Gefahren wird an Wochentagen meist von 5 bis 23 Uhr, der Takt auf einer einzelnen Linie kann aber sehr schnell “ausdünnen”. Wer besonders früh zum Bahnhof oder spät abends ins Hotel fahren will, sollte vorher einen Blick auf den Fahrplan werfen.

So krumme Gleise habe ich zuletzt in Serbien gesehen…

Bezahlen kann man bar beim Schaffner (28 Rubel pro Fahrt, umgerechnet ca. 50 Euro-Cent) oder mit der Prepaid-Karte Ekarta. Auf die Ekarta können auch Tages- und Monatstickets geladen werden.

Habe ich gerade “Schaffner” geschrieben? Ja, in wirklich allen Straßenbahnen und Bussen fahren noch Schaffner mit. Meist ist es eine ältere Dame oder ein junger Student, welche(n) man schnell an einer bunten Weste und dem Kartenlesegerät erkennt. Man sollte immer direkt nach dem Einsteigen bezahlen und die Fahrkarten aufbewahren, ab und zu steigen zusätzliche Kontrolleure ein.

Neben der Straßenbahn existiert ein weit verzweigtes Netz von Buslinien. Innerhalb der Stadt werden viele Linien elektrisch betrieben, man begegnet also an allen Ecken den typischen Oberleitungsbussen.

Die Busse sind alt bis uralt, aber sehr zuverlässig und gleich günstig wie die Straßenbahnen. Warum so einige dieser Busse Werbeaufdrucke von Taxiunternehmen tragen, habe ich daher nicht ganz verstanden 🙂

Die seltener befahrenen Linien und die Überlandlinien werden von normalen Bussen aller Größen, Hersteller und Baujahre bedient. Berühmt und berüchtigt ist die Marschrutka (Маршрутка), ein privat betriebenes Sammeltaxi, welches auf einer festen Linie verkehrt und die öffentlichen Verkehrsmittel ergänzt.

Die Marschrutka hat keine festen Haltestellen. Angehalten wird immer da, wo jemand am Straßenrand winkt oder ein Passagier aussteigen möchte, aber wenn es keine freien Plätze mehr gibt, fährt der Fahrer einfach an winkenden Menschen vorbei. Die Busse sind häufig noch älter als die Stadtbusse und haben eventuell schon den einen oder anderen Unfall erlebt. Viele Fahrer sind für ihre rücksichtslose Fahrweise bekannt, und bei sommerlichen Temperaturen breitet sich schnell ein gewisser Geruch aus, vor allem wenn man stehen muss… Abenteuer pur 😉

Die Frage “Haltestelle oder Litfaßsäule?” ist manchmal gar nicht so einfach zu beantworten. Hier wird alles angeboten, von Unterhaltungselektronik über Musikkurse bis zur Unterstützung bei der Beantragung eines Schengen-Visums für Europa.

Nanu? Ein zehn Jahre alter Stadtbus aus Konstanz, mitten im Ural?

Mein persönliches Highlight war allerdings die Metro. Es gibt nur eine einzige Linie, aber diese befördert stolze 50 Millionen Passagiere pro Jahr, und die Stationen haben es in sich.

Im Gegensatz zur Moskauer und St. Petersburger Metro wurde die Metro Jekatinburg erst in den 1980er Jahren gebaut, die letzte Station wurde sogar erst 2012 fertig. Man hatte also ganz andere technische Möglichkeiten, konnte quasi beliebig groß bauen und jeder Station einen ganz eigenen Charakter geben.

Mein Tipp: Für 28 Rubel eine Münze kaufen, an jeder Station aussteigen, in Ruhe herumschlendern und dann mit der nächsten Bahn wieder eine Station weiter. Tagsüber fahren die Bahnen alle zehn Minuten.

Die Station Dinamo (Дина́мо) liegt in der Nähe des Sportkomplexes Dinamo und des Palastes der Spielsportarten (die zweitgrößte Arena der Stadt). Sie wurde mit mit feinstem Marmor ausgekleidet, an einem Ende gibt es eine Statue eines Diskuswerfers zu sehen.

Die Station Geologitscheskaja (Геологи́ческая) liegt beim Zirkus und dem Fernsehturm. Vom Aussehen her wahrscheinlich die langweiligste Station von allen.

Maschinostroitelei (Машинострои́телей) am riesigen, hinter dem Hauptbahnhof gelegenen Industriegebiet im Norden der Stadt. Hier wäre ich als Ingenieur in den Achtzigern wohl gerne jeden Morgen ausgestiegen!

Die Station Ploschtschad 1905 goda (Пло́щадь 1905 го́да) am Platz des Jahres 1905 ist einfach ein Erlebnis für sich. Man fühlt sich wie in den Hallen eines seltsamen, riesigen Palastes.

Futuristisch geht es an der Station Prospekt Kosmonawtow (Проспе́кт Космона́втов) zu. Oder auf jeden Fall hat der Architekt hier verwirklicht, was er in den Achtzigern für “futuristisch” hielt… 😉

In Uralmasch (Уралма́ш) haben mich die Größe und die Beleuchtung sehr beeindruckt. Das Ganze hat etwas von moderner Kunst.

Die Station liegt an den früheren Uralmasch-Werken. Früher wurden dort Panzer produziert, heute gehört die Anlage zum Konzern des Oligarchen Wladimir Olegowitsch Potanin und ist einer der größten Stahllieferanten in Russland.

Uralskaja (Ура́льская) ist die mit 42 Metern tiefste Station der gesamen Metro und liegt am Hauptbahnhof. Der Boden und die Wände sind mit weißem und grauem Marmor verkleidet, darüber schweben Leuchter aus geschmiedetem Eisen. Der selbe weiße Marmor wurde auch für viele andere Sehenswürdigkeiten verwendet, darunter die Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau.

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