Das verlassene Hotel im Martelltal in Südtirol

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Dieser Artikel behandelt das Thema Urban Exploration. Ich nenne öffentlich keine Adressen oder Koordinaten. Nehmt nichts mit außer Bilder, und hinterlasst nichts außer Fußabdrücke!

Irgendwo im Martelltal in Südtirol, umgeben von 3000 Meter hohen Bergen, steht ein mittlerweile fast 85 Jahre altes Luxushotel. Übernachtet hat hier aber seit dem zweiten Weltkrieg niemand mehr. Seit bald 50 Jahren verfällt die Ruine vor sich hin.

Das Gebäude wirkt heute eigentlich noch modern, wurde aber schon 1933 vom italienischen Star-Architekten Gio Ponti entworfen und bis 1935 fertiggestellt. Die Normalbevölkerung war hier auf jeden Fall nicht zu Gast – neben den 250 Betten gab es ein eigenes Postamt, eine Metzgerei, eine Bäckerei, einen Friseur, einen Massagesalon, Lesesäle im englischen Stil mit Kaminen, eine Sauna und eine Bar. An den Hängen konnten die Gäste Ski fahren (lernen).

Lange hat die Idylle leider nicht gehalten. 1943 besetzte die Wehrmacht das Hotel und nutzte es als Erholungsgebiet für verwundete Soldaten. 1952 kaufte ein italienischer Reeder das Hotel, erweiterte es und ließ die ehemals grüne Fassade rot streichen. Wie viel besser sich das Gebäude vorher in die Umgebung eingebettet haben muss, das leuchtende rote Gebäude wirkte auf mich wie ein riesiger Fremdkörper…

Vielen Ortsansässigen war und ist das Hotel aber so oder so nicht recht. Die grüne Fassade erinnerte sie damals angeblich an eine “Scheune”, und für die rote Ruine wird bis heute nach einer Lösung gesucht. Seit 1989 haben sich zum Beispiel immer wieder Architekturstudenten an Entwürfen versucht.

Warum es dem italienischen Reeder 1952 nicht gelungen ist, das Hotel wieder zu eröffnen, ist unklar. Einer der Geschichten nach soll sein Sohn verunglückt sein, eine andere behauptet, es wäre aus Naturschutzgründen keine Genemhigung mehr erteilt worden. Vielleicht stellte sich aber auch einfach nur heraus, dass die Nachfrage nach Luxuszimmern nur sieben Jahre nach Kriegsende nicht hoch genug gewesen wäre.

Seit 1966 gehört das ganze Gelände der Südtiroler Brauereifamilie Fuchs. Aus Naturschutzgründen soll an diesem Ort aber angeblich wohl nie wieder eine Baugenehmigung zu bekommen sein, weshalb das Hotel angeblich auch nicht abgerissen werden kann. Diese Erklärung wäre wohl zumindest irgendwo verständlich, die Bagger und LKWs würden die schmale Straße wohl auf Monate blockieren und viel Lärm verursachen.

Wachpersonal oder eine Absicherung gab es nicht. Eine Kuhherde hatte sich den Weg in den Innenhof gebahnt und graste dort. Ängstlich waren die Tiere nicht, je nach Exemplar fast schon etwas zu neugierig…

Das kleine Seitengebäude ist mit Garagentoren ausgestattet, wahrscheinlich konnten Gäste und Personal hier ihre Autos parken. Ein weiterer Hinweis dafür, dass es sich hier um ein Luxushotel gehandelt hat – im Jahr 1940 wurden in Italien nur etwa 10.000 neue Autos pro Jahr zugelassen.


In einem kleinen Aussenraum befindet sich eine ehemalige Transformatorstation.

Das Innere des Gebäudes ist in zwei Flügel aufgeteilt. Der eine geht zur Frontseite, hier befanden sich die Zimmer und andere Räume für Gäste und Angestellte. Der andere befindet sich auf der Rückseite und besteht aus großen, leeren und nicht verputzten Räumen.

Ob dieser hintere Flügel schon 1935 oder doch erst 1952 oder später gebaut wurde, und warum er offensichtlich nicht ganz fertig ist, ist mir nicht bekannt. Auf jeden Fall kann er meiner Ansicht nach kaum seit 1935 in dieser Form hier stehen, die reichen Gäste hätten sich wohl eher doch daran gestört, dass sie vom Gang aus direkt in einen nicht verputzten Raum schauen können.

Im Erdgeschoss befinden sich verschiedene größere Räume, wahrscheinlich die ehemaligen Speise- oder Lesesäle. Ganz genau kann man das allerdings nicht mehr erkennen. Nach 1952 soll ein Hausmeister-Ehepaar das Hotel bewacht und in der Bar Getränke für Wanderer ausgeschenkt haben, in den 1980er Jahren war das Hotel aber wohl schon eine Ruine.

Irgendwo zwischen damals und heute wurde der Großteil der Einrichtung entfernt oder gestohlen, und der Rest wurde durch Vandalismus in Mitleidenschaft gezogen.

Für die damalige Zeit wahrscheinlich fortschrittlich: Ein elektrischer Ofen.

Im Hintergrund einer der Kachelöfen. Der Herd war wahrscheinlich Teil der Küche, es sah aber nicht so aus, als ob er immer schon an dieser Stelle mitten im Raum gestanden hätte…

Dieser kleine Elektroherd (die eigentlichen Kochplatten fehlen) stammte wohl auch aus der ehemaligen Küche.

In den Gängen vor der Rezeption ging es wohl etwas düster zu…

In den 1980er Jahren sollen hier noch alte Postkarten und andere Artefakte zu finden gewesen sein, aber bei meinem Besuch war davon keine Spur mehr zu sehen. Dafür gab es viele Spuren von Vandalismus.

Auch dieser Herd dürfte nicht schon immer mitten im Gang gestanden haben. Wer oder was wohl in diesem verlassenen Hotel alte Herde verschiebt? 😯

Über die Treppen ging es in den nächsten Stock…

Die Zimmer scheinen vergleichsweise groß gewesen zu sein. Auch hier hatten sich wieder Vandalen und Graffiti-Künstler herverirrt, allerdings waren die Graffitis teilweise sogar recht “schön” gemacht und nicht einfach nur Gekritzel. Mancher leere Raum hätte ohne etwas Kunst an der Wand vielleicht sogar langweiliger ausgesehen.

“Warum wurde der Mensch am letzten Tag erschaffen?”

Ich weiß nicht, ob dieses Zitat Teil der Graffitis ist, aber der alten Farbe nach könnte er tatsächlich schon früher hier gestanden haben. Es handelt sich um ein Zitat aus dem Talmud, das vollständige Zitat lautet:

“Warum wurde der Mensch erst am letzten Tag erschaffen? Damit er, wenn er zu eitel wird, ermahnt werden kann: Die Mücke ist älter als du.”

Vorne das kleine Nebengebäude mit den Garagentoren, rechts der hintere Flügel mit den nicht verputzten Räumen.

Über die sanitäre Ausstattung war ich doch etwas überrascht. Sicher, Spülkästen dieser Form gibt es heute nicht mehr, aber die Fliesen und Toilettenschüsseln hätte ich eher nicht auf das tatsächliche Alter von über 60 Jahren geschätzt.

Ein Blick durch einen der Gänge. Ganz schön gruselig, und was hat da gerade geknackt? Ein anderer Besucher? Doch nur eine Kuh? Oder vielleicht der Herde verschiebende Geist, der wahre Grund dafür, dass das Hotel seit 1952 leer steht? 😯

Über weitere Treppen ging es immer weiter nach oben. Die oberen Stockwerke waren in einem deutlich schlechteren Zustand, hier gab es nicht mehr viel Interessantes zu sehen.

Auch im Dachgeschoss sah es so aus, als wäre man bei der Erweiterung im Jahr 1952 nicht mehr fertig geworden. Die Brauereifamilie Fuchs soll nach der Übernahme im Jahr 1966 noch ein neues Dach in Auftrag gegeben haben, um die Ruine vor dem weiteren Verfall zu schützen.

An dieser Treppe im Erdgeschoss wäre es noch in den Keller gegangen, wo sich eine Kühlkammer befinden soll. Leider waren plötzlich andere Menschen im Gebäude zu hören, und ich machte mich schnell und leise aus dem Staub…

Dieser Artikel wurde von Simon für One Man, One Map geschrieben. Das Original befindet sich hier. Alle Rechte vorbehalten.

4 Kommentare

    1. Das ist – wie so häufig bei solchen Locations – nicht so einfach zu beantworten. Rechtlich gesehen ja, und wenn es um ein echtes Fotoshooting mit Models geht würde ich das auch immer empfehlen. Die Eigentümer sind solchen Projekten gegenüber aber nicht sonderlich aufgeschlossen, mir ist nur ein einziges Projekt bekannt das mit offizieller Erlaubnis durchgeführt werden konnte.

  1. Ich wurde durch eine Sendung im deutschen Fernsehen 1994 auf das Gebäude aufmerksam und habe es in der Folge mehrmals besucht. Fasziniert von dem Gesamtbild vor Ort habe ich versucht weitere Informationen darüber zu bekommen. Die hier bereits gemachten Angaben sind bis auf wenige Details (Bauzeit und Inbetriebnahme etwas später) mit meinen Erkenntnissen identisch. Jedoch kann ich für Interessierte noch folgendes ergänzen:
    Das Hotel wurde von der damals in Italien herrschenden faschistischen Regierung in Auftrag gegeben und sollte einerseits dazu beitragen die nach dem 1. Weltkrieg hinzugewonnenen (ehemals zu Österreich/Ungarn gehörenden) Gebiete touristisch zu erschließen und andererseits ein klares Symbol für den dort nicht typischen, italienischen Stil zu setzen. Deshalb wurde der Bau von den meisten Einheimischen auch sehr kritisch beäugt und zunächst abwertend auch als „Schuppen“ bezeichnet. Hinzu kam, dass zum reinen Hotelgelände weitere erhebliche Flächen gehörten auf denen die Tiere der dortigen Bauern seit langer Zeit das Weiderecht hatten. Obwohl der beauftragte Architekt mit weiteren geplanten Projekten den Dolomitenraum (über Hotels mit Seilbahnstationen) wie geplant touristisch erschließen wollte, wurde nur das Hotel im Martelltal auch realisiert.
    Bereits den Bau und auch den späteren Betrieb leitete ein Oberst der faschistischen Partei. Nach den Vorstellungen des Architekten sollte das Hotel für 3 Klassen konzipiert werden und sah bei Bedarf auch schon mögliche Erweiterungen vor. Die 3. Klasse waren Tagestouristen (Wanderer und Skifahrer) die sich in einer Taverne unterhalb der großen Terrasse stärken konnten. Die 2. Klasse bewohnte die kleineren Zimmer talwärts. Das Hauptaugenmerk galt der 1. Klasse. Deren Zimmer zeigten zu den umliegenden Berggipfeln sowie zum eigens angelegten künstlichen See vor der Terrasse und hatten teilweise einen Balkon. Die Gestaltung und Bemalung aller Zimmer sowie die Einrichtung aller Räume wurde ebenfalls durch den Architekten geplant. Die Außenfassade war zunächst „tannengrün“ gestrichen um sich möglichst unauffällig in die bewaldete Umgebung einzufügen. Der leicht gekrümmte Baukörper folgte dem Verlauf der Sonne und hatte als weitere Besonderheit ein Pultdach. Als weitere Besonderheit gab es im Haus ein Postamt sowie einen Friseur. Das es eine Bäckerei und Metzgerei gegeben hat, ist mir nicht bekannt. Ebenfalls neu war das Konzept der Küche im Untergeschoss. Die Speisen wurden über einen Aufzug ins EG zum Speisesaal befördert. Da es keine Stromversorgung aus dem Tal gab, wurde eine eigene Turbine zur Stromversorgung im benachbarten Bach installiert.
    Nach der Eröffnung des Hotels im Jahre 1936 wurde schnell internationales Publikum angesprochen. Sowohl mit Pferdefuhrwerken als auch Automobilen wurden Gäste von den Bahnhöfen zum Standort des Hotels befördert. Nach Beginn des 2. Weltkrieges 1939 kam der Hotelbetrieb nach nur wenigen Jahren zum Erliegen. Während der Kriegszeit waren wohl unterschiedliche deutsche Truppen im Gebäude untergebracht. Sie wurden angehalten alles sehr pfleglich zu behandeln, da davon ausgegangen wurde, dass der Hotelbetrieb nach Kriegsende wieder aufgenommen wird. Doch dann kam alles anders. Die Betreibergesellschaft ging nach Kriegsende in Konkurs und das Hotel mit Grundbesitz wurde an den erwähnten Reeder aus Venedig verkauft. Nach Jahren des Stillstandes kam es nun in den 1950er Jahren wieder zu neuen Aktivitäten. Der Reeder wollte angeblich einerseits seinem Sohn den Einstieg in die Hotelführung ermöglichen und andererseits eigene Gäste mit seinem Helikopter aus Venedig zu Aufenthalten einfliegen. Dazu sollte die Zimmeranzahl erhöht und weitere Gesellschaftsräume geschaffen werden. Dazu wurde nun der bisherige Baukörper um 2 Etagen aufgestockt und ein komplett neuer Ostflügel angebaut. Außerdem wurde ein Garagentrakt erstellt, damit Gäste mit eigenem PKW anreisen konnten. Diese neuen Gebäudeteile wurden aber nur im Rohbau fertiggestellt und dem äußeren Gesamtbild zuliebe außen verputzt und mit der alten Bausubstanz in „Rosso Venetiano“ rot gestrichen. Somit erhielt das Gebäude seine heutige Form und Farbe. Welche Gründe genau dazu führten, dass der anfänglichen Euphorie und Bauaktivität keine Fertigstellung und geplante Wiedereröffnung folgte ist mir auch nicht genau bekannt. Zumindest wandte sich der Reeder einem Hotel in Meran zu, das er dann einige Zeit besaß und betrieb, bevor es vor einigen Jahren auch wieder abgerissen wurde. Zwischenzeitlich ist das Hotel im Martelltal seit den 1960er Jahren im Besitz der Brauereifamilie Fuchs. Die genauen Motive für den damaligen Kauf beschreibt die Frau Fuchs in dem eingangs erwähnten Film mit der „Naturverbundenheit ihrer Familie“ und dem Wunsch nach einer „angemessenen und sinnvollen Nutzung“. Über die wahren Hintergründe läßt sich nur spekulieren zumal für den Außenstehenden Betrachter außer einem neuen Dach und der Zufuhr von Baumaterial erkennbar seit Jahrzehnten nicht viel passiert ist. Im Film werden noch die Erneuerung einer Brücke der Zufahrtsstraße sowie die Erneuerung der Mauereinfassungen des Sees erwähnt. Die eigentliche Bausubstanz verfällt aber immer mehr und ist vermutlich auch nicht mehr zu retten. Seit Kriegsbeginn bis zum letzten Besitzerwechsel in den1960er Jahren war zwar das Hotel nicht mehr geöffnet, jedoch voll ausgestattet. Um Plünderungen und weitere Zerstörungen und Vandalismus einzudämmen, wurde von der Familie Fuchs ein Ehepaar als Hausmeister eingestellt. Wie mir jedoch Zeitzeugen berichteten, wurde dieses Ziel nicht erreicht. Zwischenzeitlich befinden sich kaum noch nennenswerte Einrichtungsgegenstände im Gebäude und wenn, dann wurden diese meist mutwillig zerstört, wie die Bilder eindrucksvoll zeigen.

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