Ein Samstag zwischen Himmel und Hölle

(Auf die Bilder klicken, um diese in voller Größe zu sehen.)

Mein letzter Tag in Jekaterinburg fiel auf einen Samstag. Eine gute Möglichkeit, mal einen Blick darauf zu werfen, womit die Russen so ihre Freizeit verbringen. Dass so vieles davon mit Himmel und Hölle zu tun haben würde, hatte ich allerdings nicht gedacht 😉 Für die richtige Stimmung vor dem Weiterlesen auf “Play” klicken!

Kaum zu übersehen waren die vielen Kirchen in der ganzen Stadt, gezählt habe ich auf dem Stadtplan über dreißig. Das Christentum hat eine absolute Vormachtstellung und kam schon im Jahr 998 nach Russland, als sich der Herrscher der Kiewer Rus nach griechisch-orthodoxem Glauben taufen ließ. Später kam es zur Abspaltung der Russisch-Orthodoxen Kirche, und wie die meisten wahrscheinlich schon aus dem Fernsehen wissen, geht es etwas anders zu als bei den Katholiken oder Protestanten.

Priester und Diakone dürfen verheiratet bleiben, wenn sie schon vor der Weihe verheiratet waren. Das Zölibat gilt nur für Bischöfe. Im Großen und Ganzen scheinen sich die Russisch-Orthodoxen sonst mit den Katholiken recht einig zu sein und akzeptieren sogar deren Papst, allerdings hat der Papst in Russland anscheinend nur den Status eines Bischofs und ist nicht unfehlbar.

Eine typische Kirche ist die schon erwähnte Bolshoi-Zlatoust-Kirche („Большой Златоуст“, „Großer Chrysostom“). Mir fielen sofort der fehlende Altar und die vielen vergoldeten Ikonographien und Gegenstände auf. Der Eindruck täuscht aber, der Altar befindet sich hinter der Bilderwand. Man kann zwar gut verstehen, was am Altar gesprochen wird, aber zu viel sehen soll man nicht, und für Normalsterbliche gilt sowieso: Altarraum betreten verboten!

Viele Gegenstände sind extrem aufwändig gestaltet. Heute geht das mit Maschinen natürlich viel schneller, aber so viel Detailarbeit habe ich in westlichen Kirchen eher selten gesehen.

Besonders wichtig sind die Ikonen und anderen Bilder. Auf diesem Bild wurden viele wichtige Persönlichkeiten der kirchlichen Geschichte dargestellt, allerdings so fein gemalt, dass ich schon mit freiem Auge ganz schön Schwierigkeiten hatte!

Schritt Eins: Eine Kerze anzünden…

Schritt zwei: Vor der Ikone verbeugen oder diese küssen. Je nach Kirche und Ritual mehr als ein Mal, und so mancher Gläubige stellt sich auch direkt mit dem Gesicht an die Glasscheibe und küsst in einer Tour…

Unverzichtbar: Die russische Oma am Verkaufsstand neben dem Eingang. Die kleinsten Kerzen kosten 20 bis 30 Rubel (ca. 30 bis 50 Eurocent), die großen auch schon mal 300 Rubel (ca. 5 Euro). Daneben gibt es Ikonen für zu Hause in jeder Größe und Form.

Weihwasser kann man hier gleich literweise abfüllen. Manche Gläubigen gießen damit angeblich zu Hause die Blumen, und der eine oder andere bringt schon mal ein Glas mit und trinkt direkt in der Kirche. Böse Zungen behaupten übrigens, dass das orthodoxe Weihwasser im Gegensatz zum katholischen nicht gesalzen werden muss, da sich im orthodoxen der Heilige Geist befindet und es deswegen nicht faulen kann. Das scheint aber eine Legende zu sein 🙂

Russische Geistliche sind übrigens dafür bekannt, absolut alles zu segnen – auch Nuklearwaffen oder ganze Unterseeboote.

In der auch schon erwähnten Kathedrale auf dem Blut („Храм на Крови“) geht es düsterer zu. Kein Licht von außen dringt herein, nur wenige Kerzen und Lichter erhellen den Raum.

 

Hinter der Kirche auf dem Blut stehen direkt zwei weitere Gotteshäuser. Man kann eben nie genug Kirchen haben – auch wenn die kleine Holzkirche gerade groß genug für den Verkaufsstand und vielleicht drei Gläubige ist.

Aber nicht nur in den Kirchen wurde um die Gnade des Himmels gebeten, auch die Segler auf dem Fluss Iset hatten sicher das eine oder andere Gebet nach oben gerichtet. Zur Belohnung gab es immerhin eisig kalten Wind. Die Höchsttemperatur an diesem Tag lag bei acht Grad, nachts hatte es fast Null Grad. Ich war jedenfalls sehr froh darüber, dass ich noch eine dicke Jacke und eine Mütze eingepackt hatte!

Zufällig fand direkt daneben der internationale Europe Asia Marathon über drei und zehn Kilometer statt. Laut Webseite waren über 1.000 Teilnehmer registriert. Die Sicherheitsleute haben mich – wahrscheinlich wegen meiner großen Kamera – mit den Pressefotografen verwechselt und einfach durchgewunken, aber wirklich gestört hat mich das nicht 😉

Groß und klein, alt oder jung, hier lief wirklich jeder mit. Ich gehe ja sehr viel zu Fuß, aber morgens bei diesem Wind und sechs Grad Außentemperatur einen Marathon zu laufen, das kann nicht weit von der Hölle entfernt gewesen sein.

Schwerstarbeit für die Damen an der Ziellinie: Im Akkord wurden Hunderte von Medaillen verteilt.

Dieser Mann hat die zehn Kilometer in Bestzeit zurückgelegt, auf Krücken und mit nur einem Bein, …

…und diese Mädchen sind die selbe Strecke auf zwei Beinen gelaufen, auch in Bestzeit. Welche Ausrede habt ihr? 🙂

Zum Schluss noch ein paar schöne Impressionen von meinem letzten Vormittag in Jekaterinburg. Später sollte es dann noch sehr viel verrückter werden, aber dazu nächstes Mal mehr 🙂

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